Selbstportrait als Fotograf — warum es so schwer ist und warum es sich lohnt

Ich stehe vorm Spiegel. Die Kamera in der Hand. Seit zehn Minuten überlege ich, ob ich drücke.

Fünfzehn Jahre Fotograf. Tausende Portraits. Und ich kriege den Finger nicht runter.

So fühlt es sich jedes Mal an, wenn ich versuche mich selbst zu fotografieren. Die Technik ist da, das Licht ist da, das Studio ist da. Aber die Hemmschwelle ist jedes Mal riesig.

Warum ich mich nicht als Model sehe

Ich sehe mich nicht als Model. Ich hab nie einen Preis für mein Aussehen bekommen und ich hab kein Sixpack. Aber ich weiß wie wichtig es ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Manchmal ist es verdammt hart. Ich kenne meine Schwächen zu gut. Sich da fallen zu lassen und das in ein Bild zu kippen — sehr schwer.

Das Paradox dabei: Es fällt mir leichter, mich von anderen fotografieren zu lassen, als mich selbst zu fotografieren. Ich mag es nicht, zwei Rollen gleichzeitig zu haben. Model und Fotograf. Dann immer dieser Selbstauslöser-Struggle, die wenigen Perspektiven, weil man ständig die Kamera versetzen muss und gleichzeitig nach der Überwindung Emotionen zeigen will, aber auch technisch denken muss.

Martin Neuhof in Venedig, natürliches Licht

Mein Setup für Selbstportraits

Was mir hilft: der Selbstauslöser über das Handy. Ich sehe mein Bild, rücke mich selbst ins Licht.

Dabei nehme ich nicht mal meine große Kamera, sondern meistens die Fuji X100V. Die fühlt sich nicht an als wäre ich am Set. Das ist meine private Kamera, für private Bilder. Und was ist privater als sich selbst zu fotografieren?

Klein, unauffällig. Kein großes Rig, kein Studiogefühl. Nur ich und die Kamera.

Das senkt die Hemmschwelle enorm.

Kann ich mich so zeigen?

Dann steht die Frage im Raum: Kann ich mich so zeigen? Kann ich als über 40-jähriger Typ mich oberkörperfrei in Bildern zeigen? Kann ich wirklich als Mann ein Kleid oder einen Bodysuit anziehen?

Um das zu verstehen, muss ich weit zurück.

Ich bin vielleicht zwölf, dreizehn. Schulsport. Umkleide. Die Jungs ziehen sich um, und irgendjemand zeigt auf meinen Rücken. „Ey, was hast du denn da?“

Ein großes Muttermal. Ich sehe es selbst fast nie — es sitzt auf der Rückseite, da wo ich nicht hinschaue. Aber die anderen sehen es. Jedes Mal wenn ich mein Shirt ausziehe. Es gibt einen Spitznamen. Witze. Das übliche.

Die Wunden sind verheilt. Aber manchmal, vor dem Spiegel, mit der Kamera, reißen sie wieder auf.

Selbstportrait Fotograf Martin Neuhof in der israelischen Wüste, Rückenansicht oberkörperfrei
Israel 2017 — Rückenansicht in der Wüste

Das ist der Moment, in dem viele aufhören. In dem man sich sagt: Lass es. Zeig lieber die Bilder von anderen. Bleib hinter der Kamera, wo es sicher ist.

Verletzlichkeit ist keine Schwäche. Schon gar nicht in der Kreativbranche, wo wir jeden Tag versuchen echte Emotionen einzufangen.

Weinen ist geschäftsschädlich?

Letztes Jahr habe ich eine Serie geteilt, in der ich weine. Von hauptsächlich männlichen Kollegen kam dann die Frage, ob sowas Sinn macht und nicht für mein Geschäft schädlich sei.

Aha. Weinen ist jetzt für das Geschäft schädlich?

Selbstportrait mit Cap im halben Licht, aufgenommen mit Fuji X100V, Fotograf Martin Neuhof

Vielleicht sollten mehr Männer mal weinen und ihre Gefühle rauslassen, damit die Welt ein Stückchen besser wird.

Wir lesen das auf jedem Model-Briefing: „Wir wollen echte Emotionen.“ Und dann zeigen wir selbst keine? Das passt für mich nicht zusammen.

Warum es sich lohnt, die Seite zu wechseln

Sich selbst zu fotografieren zeigt dir jedes Mal aufs Neue: Model sein ist ein verdammt harter Job.

Einmal die andere Seite einnehmen — und du hast sofort mehr Respekt vor jedem Menschen, der sich vor deine Kamera stellt. Ohne eine Art, die auf Menschen zugeht und eine gute Atmosphäre schafft, geht es nicht.

Du verstehst plötzlich, warum manche Models nervös sind. Warum sie sich unwohl fühlen. Warum eine gute Atmosphäre am Set alles verändert. Dieses Wissen macht dich zu einem besseren Fotografen. Nicht ein neues Objektiv. Nicht ein neuer Blitz. Diese Erfahrung. Ich hab über diesen Aspekt — was eine gute Zusammenarbeit am Set wirklich ausmacht — schon mal ausführlicher geschrieben: Fördern. Fordern. Vertrauen.

Selbstportrait mit Hand vor dem Gesicht, Schwarzweiß-Stimmung, Fotograf Martin Neuhof

An alle Kolleginnen und Kollegen

Wir wollen die ganze Zeit Emotionen ausdrücken. Warum fangen wir nicht bei uns selbst an?

Traut euch. Es ist am Anfang komisch. Aber jedes Selbstportrait bringt euch näher an das, was ihr von euren Models verlangt. Und es bringt euch näher an euch selbst.

Wann habt ihr das letzte Mal vor eurer eigenen Kamera gestanden?

Und an alle anderen:

Wenn du selbst vor die Kamera willst und dir jemand dabei helfen soll diese Hemmschwelle zu senken — lass uns reden. Ich kenne die andere Seite. Ich weiß wie es sich anfühlt.

Wenn dich der Arc interessiert: Über den Schritt auf die Bühne — und die Angst davor — habe ich hier geschrieben: Mut zum Sprung — mit Herzkampf auf die Bühne.

Häufig gestellte Fragen

Warum ist Selbstportrait als Fotograf wichtig?

Als Fotograf ständig hinter der Kamera zu stehen verzerrt den Blick. Sich selbst zu fotografieren zwingt dich auf die andere Seite — und damit zu mehr Empathie mit deinen Models. Du spürst selbst, wie schwer es ist, sich vor einer Kamera zu öffnen. Dieses Wissen prüft jede Entscheidung, die du als Fotograf triffst: das Licht, die Ansprache, das Tempo.

Welche Kamera eignet sich für Selbstportraits?

Je kleiner und unauffälliger, desto besser. Ich arbeite am liebsten mit der Fuji X100V — kompakt, leise, mit festem 23mm-Objektiv. Keine großen Rigs, kein Studiogefühl. Wichtiger als die Kamera ist aber die Auslöser-Lösung: ein Selbstauslöser über die Smartphone-App zeigt dir live das Bild und hilft dir, dich selbst ins Licht zu rücken. Jede moderne spiegellose Kamera kann das.

Wie überwinde ich die Scheu vor der eigenen Kamera?

Alleine anfangen. Keine Zuschauer, kein Druck. Klein starten — Halbprofil, Schulter, Rücken — nichts worüber du dich gleich komplett entblößt. Nimm eine Kamera, die sich nicht nach Arbeit anfühlt. Und gib dir Zeit. Die ersten Versuche werden sich komisch anfühlen, das gehört dazu. Mit jedem Bild sinkt die Hemmschwelle.

Selbstauslöser oder Fernauslöser — was funktioniert besser?

Beides hat seine Berechtigung. Fernauslöser über das Smartphone ist die beste Lösung für geplante Portraits: du siehst das Live-Bild, kannst die Pose korrigieren bevor ausgelöst wird, und hast volle Kontrolle. Der klassische 10-Sekunden-Selbstauslöser zwingt dich in Bewegung — du kannst dich nicht im Sucher verstecken, musst dich schnell ins Bild bringen. Für mich oft das spontanere Ergebnis.


Dieser Beitrag basiert auf meinem Instagram-Carousel vom 21. April 2026. Folgt mir auf Instagram unter @martinneuhof für mehr Einblicke hinter die Kamera.

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