Im Altersheim fotografieren…

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Andere Welten entdecken und dabei zu fotografieren: das habe ich mir für das Jahr 2013 auf die Fahnen geschrieben. Es ist keine leichte Aufgabe, aber es ist eine Aufgabe, die mich formt und mich vor allem verändert.

Mitte August stand ein lang gehegter Traum an: Ich durfte ein Seniorenheim fotografieren. Im Vorfeld habe ich mir viele Gedanken dazu gemacht. Wie reagieren die Bewohner auf mich? Wie gehen die Mitarbeiter mit mir um? Die Nacht davor konnte ich kaum schlafen und ich startete mit einem mulmigen und erwartungsfrohen Gefühl in den Tag.

Kurz darauf kam ich im Dresdner Hof an und durfte zuerst die älteste Mitbewohnerin fotografieren. Sie ist 102 Jahre alt. 1911 geboren. Sie hat beide Weltkriege erlebt. Im Zweiten Weltkrieg war sie bereits 30 Jahre alt. Für mich als 28-Jährigen ist das unvorstellbar. Ich bin behütet aufgewachsen, die Unsicherheiten die sie erlebt hat, sind für mich unvorstellbar.

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In den Stunden, die ich in dieser Einrichtung verbracht habe, gab es viele Momente, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Der stärkste Impuls war für mich die Demenz-Station. Ich war während des Mittagsessens dabei und konnte sehen, wie liebevoll das Personal sich um die Menschen dort gekümmert hat.

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Was ich erst vor ein paar Tagen erfahren habe, hat mir nochmal die Zerbrechlichkeit und die Endlichkeit des Lebens vor Augen geführt. Auf einem Foto aus der Demenzstation ist eine Frau zu sehen, die mittlerweile verstorben ist. Das ist die traurige Realität eines Seniorenheims. Die Realität des Lebens. Mich machte diese Nachricht unfassbar traurig und sehr nachdenklich.

Es sind die kleinen Momente, die für mich die hier entstandenen Fotos so wertvoll machen. Ob die Bewohner nun im Gemeinschaftsraum kegeln oder vor dem Fernseher mit der Wii, ob man die Nachrichten des Tages miteinander bespricht oder gemeinsam Mittag isst. Es sind die kleinen Momente, die auch im höheren Alter neue Freundschaften entstehen lassen.

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Eines stand schon zu Beginn fest: die Bilder die ich mache, sollten in einer Ausstellung gezeigt werden. Im Nachgang habe ich mich damit selbst unter Druck gesetzt. Ich hatte einen Tag, um genügend Bilder zu produzieren, die man auch wirklich zeigen kann und sollte. Dabei wollte ich den Blick auf die Bewohner lenken, auf das gemeinschaftliche Zusammenleben, aber auch die stillen Minuten. Die Momente, in denen die Mitbewohner mit sich selbst beschäftigt sind. Nun stehe ich vor den Fotos und frage mich, ob alles stimmig ist, ob ich jedem Menschen hier gerecht geworden bin.

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Warum sind die Fotos nun so geworden? Ich wurde von Frau Formann gefragt, warum ich die Bilder so bearbeitet habe und nicht anders. Eine bewusste Frage, die ich so nicht erwartet hatte. Ich hab die Bilder instinktiv in Grautöne gefärbt und die Kontraste verstärkt. Viele Menschen neigen dazu, verschiedene Lebensphasen in Schwarz oder Weiß einzuteilen, daher ist die Bearbeitung für mich eben kein Schwarz / Weiß – sondern Grau, ein Zwischending, voller verschiedener Einflüsse. Ein Leben verläuft meist nicht geradlinig, sondern wellenartig, mal geht es uns Menschen besser, mal geht es uns schlechter. Oft ist aber unser Leben eines: normal. Und um dies alles in Farben zusammenzufassen, habe ich die Farbe Grau gewählt. Grautöne, die unser Leben widerspiegeln.

Das Zusammenkommen zwischen älteren und jüngeren Menschen war mir für diese Vernissage ein großes Anliegen. Welcher Mittzwanziger bekommt schon die Gelegenheit, in ein Seniorenheim hineinzuschauen? Heute bietet sich für uns alle die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen, zu verstehen, und die Arbeit, die hier getan wird. wert zu schätzen. Denn das ist sie: schätzenswert.

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Am Ende möchte ich mich bei allen bedanken. Bei der Maternus Klinik, die sich so kooperativ erwiesen hat, und für die Möglichkeit, mich hier fotografisch tätig werden zu lassen. Ein besonderer Dank gilt Frau Formann und Frau Richter, die mir mit Rat und Tat zur Seite standen. Ich möchte mich auch bei Maik für die Musik heute bedanken, bei allen Mitarbeitern, die mir Mails geschrieben haben. Bei allen Gäste, bei meiner Freundin und meiner Familie.

Eine Erfahrung in meinem Leben, die ich nicht mehr missen möchte.

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