Profilierungszwang


   by Martin    1 Comment  →
Foto Michael Herrmann - www.abgedreht-productions.de

Foto Michael Herrmann – http://www.abgedreht-productions.de

Je öfter ich in dieses Internet des Internets reinschaue (Facebook), umso öfter frage ich mich, ob Fotografen wirklich so stark zur gegenseitigen Profilierung neigen. Wahrscheinlich ist es in jedem Beruf ähnlich: Wir vergleichen uns ständig mit anderen. Wie viele Quadratmeter hatte noch mal deine neue Wohnung? Wow, 95 qm im coolsten Viertel der Stadt? Wahnsinn. Theoretisch ist es doch scheißegal, wie groß die Wohnung ist, denn wenn sie ungemütlich ist und schlecht eingerichtet, kann die Größe auch nichts mehr retten.

Bei Fotografen ist es doch ähnlich. Hier geht es oft darum, wer die “geilsten Girls nackig” fotografiert, wer die “meisten Megapixel” und wer das beste Studioequipment hat. Nur die geilste Frau mit dem besten Equipment fotografiert, macht leider noch lange kein gutes Foto. Genauso wie ich ständig den Gedanken nicht loswerde, dass viele derzeit nur auf die Analogfotografie-Schiene fahren, weil es derzeit hip und modern ist.

Wow, ich hab 2650 likes auf meiner Facebook-Fan-Page, und? Diese Zahl sagt nichts aus, sie sagt -irgendwann- fand -irgendwer- mal -irgendetwas- gut von mir. Trotzdem stehen nicht 2650 Leute hinter mir und würden mich beauftragen. Nur leider werden viele von einfachen Zahlen geblendet. Klar, wenn deine Freunde deine Fotos liken, bist du nicht gleich ein guter Fotograf. Wenn du 18 und mit Facebook aufgewachsen bist, wirst du sicher mehr Klicks kassieren, als jemand der 40 ist und gerade mit Facebook anfängt. Trotzdem hat der 40-jährige das bessere Bild. Es geht darum, einen Kult um deine Bilder zu schaffen und viele Leute hinter sich zu scharen, die dir Reichweite bringen. Diese Reichweite bringt dir dann Aufträge. Man setzt also eine Spirale nach oben fest und probiert diese ständig zu befeuern. Daher kommen dann auch die ganzen Aufforderungen mal was zu teilen / zu liken / am Gewinnspiel teilzunehmen. Darauf verzichten? Das wäre so, als ob ich mir selbst ein Bein abschneiden würde.

Ja, ich verdiene Geld damit, Fotos zu machen und möchte bei einem Auftrag angemessen bezahlt werden. Trotzdem geht es nicht NUR ums Geld. Besonders freie Projekte erfordern die Liebe zur Fotografie und nicht die Liebe zum Geld. Diese mach ich für mich persönlich, um weiter zu kommen, um Ideen umzusetzen oder weil ich einfach gerade Lust drauf habe. Geld kann den kreativen Prozess zerstören, weil man sich nicht mehr frei machen kann, von dem was man sieht und wie man es ganz am Ende verwertet. Geld sagt dir oft, wie du was zu machen hast. Daher sind freie Projekte meiner Meinung nach wichtig, um die eigene Kreativität nicht zu verlieren.